Warum jeder Coach einen Coach braucht
Jeder professionelle und erfolgreiche Coach im Profisport kennt eine klare Erfolgsregel: Auch ein Coach braucht einen Coach. Mentale Unterstützung und seriöse Beratung sind aber nicht nur für Trainer und Coaches wichtig, sondern grundsätzlich für jeden Menschen in unterschiedlichsten Lebensbereichen. Denn jeder Mensch will wachsen und sich weiterentwickeln – und das ist im Alleingang nur sehr begrenzt möglich.
Warum psychische Belastung im Profisport kein neues Phänomen ist
In den Medien wird immer häufiger davon berichtet, dass nicht nur Führungskräfte und Mitarbeitende in der Wirtschaft, sondern auch Trainer und Athleten im Profisport an psychischen Erkrankungen wie Burnout und Depressionen leiden. Ist diese wachsende Häufigkeit real? Meine klare Antwort: Ja – wobei es diese Problematik auch vor 10 oder 15 Jahren schon gab. Die Gesellschaft ist mittlerweile nur offener geworden für Themen wie Burnout, Depressionen oder Boreout. Was früher als menschliche Schwäche galt und verheimlicht wurde, findet spätestens seit dem tragischen Tod des Nationaltorwarts Robert Enke 2009 zunehmend den Weg in die Öffentlichkeit. Man kann in einer Gesellschaft eben nichts dauerhaft totschweigen, von dem ein Großteil selbst direkt oder indirekt betroffen ist.
An Schulen, in Unternehmen und im Profisport gilt dasselbe: Der Druck steigt kontinuierlich. Entsprechend nimmt der Einsatz von Psychologen, Persönlichkeitstrainern und Mentaltrainern stetig zu. Davon profitieren vor allem Schüler, Mitarbeitende und Spitzensportler. Doch eine Gruppe fehlt dabei häufig: die Führungspersonen selbst.
Ein Beispiel aus meiner eigenen Coaching-Praxis
Vor einigen Jahren begleitete ich als Coach eine Saison lang den ehemaligen Kapitän der Deutschen Eishockey-Nationalmannschaft, Tobias Abstreiter, in seiner Funktion als Cheftrainer eines Eishockey-Bundesligaclubs. Sein Resümee am Ende unserer gemeinsamen Saison: „Die Zusammenarbeit mit Steffen als Mentaltrainer hat mir sportlich, aber vor allem auch persönlich als Mensch sehr weitergeholfen.“ Abstreiter fehlte zu Beginn unserer Zusammenarbeit weder Fachwissen noch Erfahrung. Er brauchte vielmehr Klarheit über seine eigene Persönlichkeit und die seiner Spieler sowie Wege, die eigenen Energieressourcen und die seines Teams optimal zu nutzen und wieder aufzuladen. Sein Thema war nicht sein Sport, sondern seine Emotionen, seine Gedanken und seine Ausstrahlung – Bereiche, die Führungspersonen weder in Trainerausbildungen noch im Studium lernen, die aber entscheidend dafür sind, ob jemand seine fachliche Kompetenz auch tatsächlich zielführend umsetzen kann.
Auch Coaches müssen gecoacht werden
Aus meiner Erfahrung sind Führungspersönlichkeiten oft die Ersten, die mentale Unterstützung und begleitendes Coaching brauchen, um mit den Anforderungen ihres Jobs klarzukommen – doch genau das wird häufig übersehen. Im Profisport bekommen Spieler mentale Techniken vermittelt, wie sie mit Ängsten, Problemen und Drucksituationen umgehen können. Ein Coach, Trainer oder eine Führungskraft hat diese Möglichkeit oft nicht, obwohl jede Führungsperson selbst in gewisser Weise ein Coach ist – und dadurch im Vergleich zu ihrem Team einer besonders hohen psychischen Belastung ausgesetzt ist.
Dr. Marion Sulprizio, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Deutschen Sporthochschule Köln, brachte das im Fall des Trainers Ralf Rangnick einmal so auf den Punkt: „Bei Herrn Rangnick als Trainer waren es die gleichen Mechanismen wie bei einem Spieler, die zu psychischen Problemen führen können. Durch die Kombination aus psychischen und physischen Persönlichkeitseigenschaften, Druck von außen, Zielvorgaben des Vereins und den eigenen Zielvorstellungen kann Burnout die Folge dessen sein, nicht allem gerecht zu werden.“
Prominente Beispiele zeigen: Burnout ist überwindbar
Der Fall des Fußballtrainers Ralf Rangnick war nicht der erste seiner Art. Trainerlegende Ottmar Hitzfeld, Bayern-Profi Sebastian Deisler, Skispringer Sven Hannawald oder Tennisprofi Florian Mayer sind nur einige Namen von Menschen, die die Stärke hatten, ihre psychische Erschöpfung öffentlich zu machen und sich selbst eine Auszeit zu verordnen. Wichtig zu verstehen: Ein Burnout ist keine Krankheit für die Ewigkeit, sondern kann mit Hilfe seriöser Psychologen und Mentaltrainer überwunden werden. Ottmar Hitzfeld stand 2004 nach sechs Jahren als Trainer des FC Bayern München kurz vor einem Burnout und nahm sich daraufhin eine mehrjährige Auszeit. Wenige Jahre später kehrte er als Trainer zum FC Bayern zurück und führte anschließend die Schweizer Nationalmannschaft zu zwei Weltmeisterschaften – ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass sich Burnout überwinden lässt.
Warum Selbst-Coaching irgendwann an seine Grenzen stößt
Für die Zukunft wird entscheidend sein, dass Führungspersonen sich präventive mentale Unterstützung holen, bevor Krankheiten wie Burnout überhaupt entstehen. Motivationsgurus, die einen über glühende Kohlen laufen lassen, braucht dafür niemand. Was es braucht, ist seriöses, nachhaltig angelegtes Coaching für diejenigen, die selbst als Coach fungieren – und das sind mehr Menschen, als man zunächst denkt: Fast jeder ist auf die eine oder andere Weise Coach, etwa in der Mitarbeiterführung oder in der Kindererziehung.
Sich selbst zu coachen ist nur bis zu einem gewissen Punkt möglich. Sobald die eigene Emotionalität zu stark wird, kannst du dich nicht mehr rational bewerten und hinterfragen – und dich somit auch nicht mehr selbst coachen. Auch die besten Eheberater haben aus diesem Grund nicht selten ähnliche Beziehungsprobleme wie die Klienten, die sie selbst beraten.
Hinzu kommt: Jeder Mensch möchte sich weiterentwickeln, wachsen und Neues lernen – eines der stärksten emotionalen Grundbedürfnisse überhaupt. Wer sich nur mit sich selbst unterhält, bekommt schnell keine neuen Antworten mehr und bleibt vor Problemen stehen, die größer sind als er selbst. Ohne Impulse von außen drehen wir uns schnell im Kreis. Auch ich lasse mich seit vielen Jahren selbst coachen – und genau darin liegen aus meiner Sicht rund 80 % meines eigenen Erfolgs begründet. Wer keinen wertvollen Input von außen bekommt, produziert mit ähnlichen Denkmustern immer wieder ähnliche Ergebnisse. Wer Spitze sein möchte, versinkt mit diesem Konzept im Mittelmaß der Stagnation.
Was einen guten Coach wirklich ausmacht
Ein Coach muss dabei nicht zwingend ein hochbezahlter externer Topexperte sein. Coach kann auch ein guter Freund, eine Kollegin oder eine vertraute Person sein. Wer einen Coach sucht, sollte weniger auf Honorarsätze oder die Anzahl der Ausbildungen und Lizenzen achten als auf die Persönlichkeit. Denn ein Coach ist kein Wissensvermittler – ein Coach schafft die Umstände, unter denen Lernen und Weiterentwicklung möglich werden. Ein guter Coach ist vor allem ein guter Beziehungsmanager, der dabei hilft, wieder eine gute Beziehung zu dir selbst, deiner Arbeit und deinen wichtigsten Werten im Leben zu finden. Es geht am Ende nicht um Wissen und Ausbildungen, sondern um neue Sichtweisen und positive Gefühle – und davon kann wohl jeder Mensch nie genug haben.
Häufig gestellte Fragen
Braucht wirklich jeder Mensch einen Coach?
Nicht zwingend im Sinne eines bezahlten Profis – aber jeder Mensch profitiert von regelmäßigem, ehrlichem Input von außen. Das kann ein professioneller Coach sein, aber auch eine vertraute Person mit dem nötigen Abstand und der nötigen Ehrlichkeit.
Woran erkenne ich, dass ich selbst Unterstützung brauche, statt mich selbst zu coachen?
Ein Warnsignal ist, wenn du bei einem Thema emotional zu involviert bist, um es noch nüchtern zu bewerten, oder wenn du merkst, dass du dich bei einem Problem im Kreis drehst, ohne neue Lösungsansätze zu finden.
Wie finde ich einen passenden Coach?
Achte weniger auf Honorare, Titel oder Zertifikate als auf Vertrauen und Persönlichkeit. Ein guter Coach hört zu, stellt die richtigen Fragen und vermittelt kein Wissen, sondern schafft Raum für deine eigene Klarheit.
Fazit
Wer andere führt, trainiert oder coacht, braucht selbst jemanden, der ihm den Rücken stärkt. Selbst-Coaching stößt an natürliche Grenzen, sobald Emotionen zu stark werden oder der Blick von außen fehlt. Ein guter Coach ist dabei weniger eine Frage von Titeln und Honoraren als von Vertrauen – und genau darin liegt oft der Unterschied zwischen Stagnation und echtem Wachstum.





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