Warum Multitasking Gift für deine Leistung ist – und was stattdessen hilft
Multitasking steigert deine Leistung nicht, sondern bremst sie. Was sich wie gleichzeitiges Arbeiten anfühlt, ist in Wahrheit schnelles Hin- und Herspringen zwischen Aufgaben, und jeder Sprung kostet Zeit, Energie und Genauigkeit. Zwei einfache oder automatisierte Tätigkeiten parallel gehen oft noch ganz gut. Bei komplexen Aufgaben und spätestens ab der dritten wird es kritisch.
Multitasking ist kein Gleichzeitig-Arbeiten, sondern Aufgabenwechsel, und jeder Wechsel kostet.
Was im Gehirn passiert, wenn du mehrere Dinge gleichzeitig tust
Die französischen Forscher Sylvain Charron und Etienne Koechlin beobachteten 2010 mit Hirnscans rund 30 Probanden bei Aufgaben mit Belohnung. Bei einer einzelnen Aufgabe arbeiten die linken und rechten Stirnlappen zusammen. Kommt eine zweite hinzu, teilen sie sich die Arbeit: Jede Seite übernimmt eine Aufgabe, und beides gelingt noch ziemlich gut. Bei einer dritten Aufgabe vergaßen die Teilnehmer systematisch eine der Aufgaben, und die Fehler nahmen deutlich zu (Science, 2010).
Anzahl der Aufgaben | Was im Gehirn passiert | Ergebnis |
Eine Aufgabe | Beide Stirnlappen arbeiten zusammen | Hohe Genauigkeit |
Zwei Aufgaben | Jede Seite übernimmt eine Aufgabe | Noch gute Leistung |
Drei Aufgaben | Eine Aufgabe fällt systematisch durchs Raster | Mehr Fehler, Aufgaben werden vergessen |
Ein bekanntes Beispiel aus dem Alltag: Autofahren und Telefonieren. Psychologen der University of Utah ließen 2006 insgesamt 40 Teilnehmer in einem Fahrsimulator fahren, einmal mit Telefon und einmal mit 0,8 Promille Alkohol im Blut, dem US-Grenzwert. Wer telefonierte, bremste langsamer und baute mehr Unfälle als ohne Telefon, und das galt auch mit Freisprecheinrichtung. Die Beeinträchtigung war ähnlich groß wie bei der Alkoholfahrt (Human Factors, 2006).
Anders ist es bei automatisierten Routinen: Putzen und nebenbei telefonieren ist kein Problem, weil eine der Tätigkeiten kaum Aufmerksamkeit braucht.
Was die Stanford-Studie wirklich zeigt (und was nicht)
2009 verglichen Eyal Ophir, Clifford Nass und Anthony Wagner an der Stanford University Studierende, die sehr häufig mehrere Medien gleichzeitig nutzen, mit solchen, die das selten tun. In einem Test sollten die Teilnehmer rote Rechtecke beachten und blaue ignorieren. Die Vielnutzer ließen sich stärker von den irrelevanten blauen Rechtecken ablenken und schnitten auch beim Wechsel zwischen Aufgaben schlechter ab. Die Forscher suchten nach einem Bereich, in dem Multitasker besser sind, und fanden keinen (PNAS, 2009).
Wichtig für die Einordnung: Spätere Nachprüfungen bestätigten diesen Befund nur teilweise. In zwei Replikationen mit insgesamt 14 Tests zeigten nur fünf den erwarteten Effekt, und in einer Metaanalyse verschwand der schwache Zusammenhang nach statistischer Korrektur. Außerdem war schon damals offen, ob Vielnutzer von Natur aus leichter ablenkbar sind oder ob das Multitasking die Aufmerksamkeit schwächt.
Ob Dauer-Multitasking dein Gehirn langfristig verändert, ist umstritten. Dass Aufgabenwechsel im Alltag Zeit und Nerven kosten, ist gut belegt.
Was Aufgabenwechsel im Arbeitsalltag kosten
Die Informatikerin Gloria Mark von der University of California, Irvine, beobachtet seit Jahren Wissensarbeiter. Ihre Ergebnisse: Im Schnitt wechseln sie etwa alle drei Minuten die Aktivität, und rund die Hälfte dieser Unterbrechungen verursachen sie selbst. Nach einer Unterbrechung dauert es im Schnitt über 20 Minuten, bis sie wieder bei der ursprünglichen Aufgabe sind, meist nach zwei anderen Tätigkeiten dazwischen. Die genaue Zahl (je nach Quelle rund 23 bis 25 Minuten) ist ein Durchschnitt und kein Naturgesetz.
Interessant: Viele Menschen arbeiten nach Unterbrechungen schneller, um die Zeit aufzuholen. Dafür zahlen sie mit mehr Stress, mehr Frust und höherer mentaler Anstrengung. Kurze Unterbrechungen, die zur aktuellen Aufgabe passen, können sogar hilfreich sein.
So arbeitest du fokussierter
Meine Empfehlung: Lass dich nicht hetzen, sondern geh Schritt für Schritt vor. Vier Ansatzpunkte:
Arbeite in festen Zeitblöcken. Nimm dir eine Aufgabe vor und schließe sie ab, bevor du zur nächsten wechselst.
Schalte Auslöser aus. Da etwa die Hälfte der Unterbrechungen selbst gemacht ist, helfen ausgeschaltete Benachrichtigungen und ein aufgeräumter Bildschirm.
Lege einen Notizzettel bereit. Schreib auf, was dir nebenbei einfällt, und kümmere dich später darum.
Bündle Gleichartiges. E-Mails und Anrufe erledigst du zu festen Zeiten statt dauernd zwischendurch.
Fazit
Multitasking ist weniger eine Superkraft als eine Zeit- und Energiefalle. Zwei einfache Dinge parallel sind in Ordnung, komplexe Aufgaben gelingen besser nacheinander. Wer Unterbrechungen reduziert, arbeitet ruhiger und genauer.
Häufige Fragen zum Multitasking
Ist Multitasking wirklich ein Mythos?
Bei anspruchsvollen Aufgaben ja: Das Gehirn arbeitet nicht parallel, sondern wechselt zwischen den Aufgaben, und das kostet Zeit und erhöht Fehler. Bei automatisierten Routinen ist paralleles Tun dagegen meist unproblematisch.
Wie viele Aufgaben kann das Gehirn gleichzeitig bearbeiten?
Nach der Studie von Charron und Koechlin (2010) kommen die meisten Menschen mit zwei Aufgaben noch gut zurecht, bei drei sinkt die Leistung deutlich. Eine kleine Minderheit, die Forscher nennen sie Supertasker, scheint auch bei zwei Aufgaben kaum Leistung einzubüßen.
Wie lange dauert es, nach einer Unterbrechung wieder konzentriert zu sein?
Laut Forschung von Gloria Mark dauert es im Schnitt über 20 Minuten, bis Menschen nach einer Unterbrechung wieder bei der ursprünglichen Aufgabe sind. Das ist ein Durchschnittswert, im Einzelfall kann es deutlich kürzer oder länger sein.





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