Warum BILD-Zeitung & Co. zu 90% negativ berichten

Medien berichten überwiegend negativ, weil Angst und Sorge unsere Aufmerksamkeit schneller und zuverlässiger fesseln als gute Nachrichten – und Medienhäuser sind in der Regel gewinnorientierte Unternehmen, die genau diese Aufmerksamkeit verkaufen. Das ist keine neue Verschwörung, sondern eine sehr alte evolutionäre Reaktion, die sich kommerziell nutzen lässt. Ein gutes Beispiel dafür liefert ausgerechnet die BILD-Zeitung selbst – einmal im Jahr.
Die BILD-Weihnachtsausgabe: ein Tag ganz ohne schlechte Nachrichten
Über Qualität und Niveau der BILD-Zeitung lässt sich streiten, das ist bekannt. Häufig gehen die Journalisten dort an Grenzen, und manchmal vielleicht sogar darüber hinaus. Doch seit den frühen 2000er-Jahren erscheint am 24. Dezember jedes Jahr eine besondere Ausgabe: eine, die ausschließlich positive Meldungen enthält. Chefs, die trotz Krise Personal einstellen. Soldaten, die ihre Liebsten aus dem Einsatz grüßen. Prominente, die eine schwere Krankheit besiegen. Ich habe eine dieser Weihnachtsausgaben aus Interesse gekauft – und hatte schon beim Lesen der Überschriften ein ungewohnt gutes Gefühl.
Der damalige BILD-Chefredakteur Kai Diekmann begründete das Format einmal so: „Gerade in Zeiten der Krise ist Optimismus der beste Ratgeber. Schwarzmalerei hilft nicht weiter und bringt uns alle nicht voran. Die BILD-Zeitung will einen Beitrag dazu leisten und den Menschen Mut zu machen.“ Bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass genau dasselbe Blatt an 364 anderen Tagen im Jahr auf ziemlich andere Prinzipien setzt. Die Frage, die sich stellt: Warum eigentlich nicht öfter so?
Medien wollen nicht in erster Linie informieren, sondern verkaufen
Medienhäuser sind in aller Regel keine gemeinnützigen Organisationen, sondern wirtschaftlich orientierte Unternehmen. Je mehr Aufmerksamkeit sie bekommen, desto besser für ihr Geschäftsmodell. Und Aufmerksamkeit gewinnst du bei Menschen am zuverlässigsten über ein starkes Gefühl – und durch kein Gefühl so schnell wie durch Angst.
Jeder Mensch reagiert auf Meldungen, die Wut, Hass oder Angst auslösen, extrem sensibel und schnell. Horrormeldungen erzeugen deshalb sofort Aufmerksamkeit, weil das entstehende negative Gefühl den Fokus automatisch auf die Schreckensmeldung lenkt. Über negative Botschaften lässt sich die Aufmerksamkeit von Menschen daher deutlich leichter gewinnen als über positive.
Warum Angst unsere Aufmerksamkeit am schnellsten gewinnt
Das hat nichts mit einer schlechten Grundeinstellung unserer Gesellschaft zu tun, sondern ist evolutionär bedingt und seit zehntausenden Jahren in den tiefsten Strukturen unseres Gehirns angelegt. Für unsere frühesten Vorfahren war es überlebenswichtig, Gefahren frühzeitig zu erkennen und wachsam für alles zu sein, was das eigene Leben gefährden könnte. Schöne Dinge waren für das nackte Überleben zweitrangig.
Stell dir vor, du gehst als Steinzeitmensch mit einem Freund durch den Urwald. Dein Freund ist hellwach und achtet auf jede Gefahr – eine Giftschlange, ein Loch im Boden, ein Raubtier. Du dagegen schaust nur in den Himmel, wie schön die Vögel zwitschern, und sammelst hübsche Blumen am Wegesrand. Ganz ehrlich: Wer von euch beiden hätte damals länger überlebt?
Für unser Überleben hatte höchstes Gefahrenbewusstsein und Aufmerksamkeit für negative, bedrohliche Dinge absolute Priorität. Deshalb sehen wir Menschen tendenziell zuerst die Gefahren und erst danach die Chancen. Diese evolutionär angelegte Sensibilität für Risiken macht sich die Medienwelt zunutze: Wirtschaftsunternehmen wollen möglichst hohe Auflagen und Reichweiten, und dafür braucht es intensive Gefühle beim Publikum. Also wird bevorzugt negativ berichtet – weil sich darüber Aufmerksamkeit am zuverlässigsten wecken lässt. Das ist eine nachvollziehbare Geschäftspraktik. Wichtig ist, dass du dir bewusst machst, worauf du dich einlässt, wenn du Medien konsumierst, und wie viel davon für dich wirklich sinnvoll ist.
Was das für deinen Medienkonsum bedeutet
Schau dir Nachrichten in den nächsten Tagen bewusst mit anderen Augen an: Wird dort wirklich neutral informiert, oder werden Ereignisse so aufbereitet, dass sie ein bestimmtes Gefühl auslösen? Die BILD-Zeitung bringt das mit ihrem eigenen Slogan auf den Punkt: „BILD Dir Deine Meinung.“ Die eigentliche Frage lautet: Bildest du deine Meinung wirklich noch selbst – oder übernehmen das längst die Medien für dich?
Dauerhafte negative Emotionen wirken sich dabei nicht nur auf deine Stimmung aus. Menschen, die sich ständig ängstlich oder bedroht fühlen, agieren oft passiver und zurückhaltender, statt aktiv und selbstbestimmt zu handeln. Und chronischer Stress – dazu zählt auch dauerhafte Angst – ist neurobiologisch gut erforscht als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Probleme, Bluthochdruck und depressive Verstimmungen. Das bedeutet nicht, dass hinter negativer Berichterstattung eine gezielte Absicht steckt, Menschen krank oder abhängig zu machen. Aber es lohnt sich, den eigenen Medienkonsum bewusst zu steuern, statt sich von dem mitreißen zu lassen, was am lautesten nach Aufmerksamkeit schreit.
Häufig gestellte Fragen
Gibt es die BILD-Weihnachtsausgabe mit nur guten Nachrichten noch?
Das Format hat eine lange Tradition, die bis in die frühen 2000er-Jahre zurückreicht und in den Jahren danach mehrfach wiederholt wurde. Ob und in welcher Form es in einem bestimmten Jahr erscheint, kannst du am besten direkt bei BILD nachprüfen.
Ist negative Berichterstattung grundsätzlich schlecht?
Nicht per se – kritische, auch unbequeme Berichterstattung ist ein wichtiger Teil unabhängiger Medien. Problematisch wird es, wenn Angst systematisch als Aufmerksamkeitshebel eingesetzt wird und dabei die Einordnung von Ereignissen in den Hintergrund rückt.
Wie kann ich meinen Medienkonsum bewusster gestalten?
Frag dich bei Nachrichten, die ein starkes Gefühl in dir auslösen, kurz: Wird hier eingeordnet oder nur emotionalisiert? Reduziere die reine Menge an Konsum, wenn du merkst, dass er dich eher lähmt als informiert, und ergänze ihn bewusst durch Quellen, die einordnen statt nur zuspitzen.
Fazit
Negative Nachrichten dominieren nicht, weil die Welt überwiegend schlecht ist, sondern weil Angst unsere Aufmerksamkeit am zuverlässigsten weckt – und Aufmerksamkeit das Geschäftsmodell vieler Medien ist. Das macht dich nicht hilflos: Wenn du diesen Mechanismus kennst, kannst du bewusster entscheiden, was du an dich heranlässt und wie viel Raum es in deinem Kopf bekommt.





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