Was man von der ältesten Holocaust-Überlebenden der Welt lernen kann
Alice Herz-Sommer, die als älteste Holocaust-Überlebende der Welt galt, starb am 23. Februar 2014 im Alter von 110 Jahren in London – eine Woche bevor die Dokumentation über ihr Leben, „The Lady in Number 6“, mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Bis zuletzt spielte sie täglich Klavier und blieb der festen Überzeugung treu, die sie ihr Leben lang trug: Hass zerstört die Seele des Hassers, nicht des Gehassten. Ihre Geschichte zeigt eindrücklich, wie sich bewusste Dankbarkeit auch unter den schlimmsten Umständen entwickeln lässt.
Ein Leben, das bis zuletzt Musik war
Alice Herz-Sommer kam 1903 in Prag zur Welt. Als Franz Kafka und Gustav Mahler Freunde ihrer Eltern waren, gehörte Musik von Anfang an zu ihrem Leben: Mit fünf saß sie zum ersten Mal am Klavier, mit 16 begann sie an der deutschen Musik-Akademie in Prag zu studieren – als jüngste Schülerin dort. Schnell galt sie als Prags beste Klavierspielerin, und Anfang der 1930er-Jahre war sie auch international bekannt. Max Brod, der Kafkas Bücher veröffentlichte, lobte ihr Talent in mehreren Konzertkritiken. An Kafka persönlich erinnerte sie sich noch Jahrzehnte später: Er nahm sie und ihre Schwester Mizzi zum Schwimmen in die Moldau mit oder ging mit ihnen spazieren.
Musik im Konzentrationslager Theresienstadt
Wenn Alice Herz-Sommer Besuch bekam, kam irgendwann die Frage auf: „Wie konnten Sie in einem KZ Klavier spielen?“ Sie erzählte, dort schätzungsweise 150 Konzerte gegeben zu haben: „Zu uns kamen kranke und unglückliche Menschen. Unsere Musik war Nahrung für sie und Erlösung zugleich.“ Von 156.000 Gefangenen in Theresienstadt überlebten nur 17.500 das Ghetto. Von 15.000 dorthin deportierten Kindern erlebten nur 130 die Befreiung. Dass Alice Herz-Sommer überlebte, war schon damals ein Wunder – und wie sie danach lebte, machte sie zu einer weltweit bekannten Stimme der Versöhnung.
„Ich interessiere mich nur für die schönen Dinge im Leben“
In Interviews wenige Jahre vor ihrem Tod sagte sie: „Mein Optimismus hat mir durch die dunkelste Zeit in meinem Leben geholfen. Ich kenne das Schlechte in der Welt, aber ich interessiere mich nur für die schönen Dinge im Leben. Deshalb bin ich so alt geworden.“ Und weiter: „Ich lebe! Und wenn ich hier aus meinem Wohnzimmerfenster schaue, sehe ich einen Baum, der im Frühling blüht. Das sind doch alles Wunder: Dass Sie mich jetzt besuchen kommen und wir reden. Dass es Bäume gibt, die blühen. Die Welt ist schön.“
Bis ins Alter von 97 Jahren ging sie jeden Tag schwimmen, sie studierte an der Senioren-Universität Philosophie und Judentum, spielte sonntags Scrabble mit einer Freundin und ging im Sommer mit ihrem Enkel Ariel spazieren. Über Klagen sagte sie: „Jammern und schimpfen nützt doch nichts. Es fühlen sich nur alle schlecht dann.“
Bis ins hohe Alter aktiv
Noch mit 107 Jahren strich sie zum ersten Mal über ein iPhone – auch das nannte sie ein Wunder. In über 100 Jahren verging kaum ein Tag ohne Klavierspiel. Als ihr vor einigen Jahren nur noch acht ihrer zehn Finger gehorchten, lernte sie kurzerhand sämtliche Stücke auf eine Spielweise mit acht Fingern um. „Die anderen beiden machen, was sie wollen“, sagte sie dazu mit einem Lachen. Ihr eigenes Erfolgs- und Glücksrezept beschrieb sie so: Begeisterung, Interesse, Demut, Optimismus, Liebe und Hingabe.
Auf die Frage nach ihrer wichtigsten Erfahrung aus über 100 Lebensjahren gab sie eine fast buddhistische Antwort: „Besitztümer sind unwichtig. Wenn man in Bescheidenheit lebt, ist man automatisch glücklich, weil man nicht nach etwas giert, was man nicht hat.“
Ihr Vermächtnis
Alice Herz-Sommer starb im Februar 2014 in London – friedlich, wie ihre Familie damals mitteilte. Nur eine Woche später gewann die Kurzdokumentation „The Lady in Number 6: Musik rettete mein Leben“ über ihr Leben den Oscar für die beste Dokumentation. Der Regisseur Malcolm Clarke hob bei der Verleihung besonders ihre außergewöhnliche Fähigkeit zu verzeihen und ihre Freude am Leben hervor. Bis heute gilt sie als eine der bekanntesten Stimmen, die zeigten, dass sich selbst unter dem größten Leid eine bewusste Entscheidung für Dankbarkeit und Menschlichkeit treffen lässt.
Wer mehr über sie erfahren möchte: Interview mit deutschen Untertiteln (YouTube).
Häufig gestellte Fragen
Wann und wie ist Alice Herz-Sommer gestorben?
Sie starb am 23. Februar 2014 im Alter von 110 Jahren in London, eine Woche bevor die Dokumentation über ihr Leben mit dem Oscar ausgezeichnet wurde.
Wie überlebte sie das Konzentrationslager Theresienstadt?
Sie gab dort schätzungsweise 150 Konzerte für andere Gefangene. Musik war für sie – und nach eigener Aussage auch für viele Mitgefangene – eine Form von Nahrung und Erlösung inmitten des Grauens.
Was macht ihre Lebenseinstellung bis heute besonders?
Trotz Verlust, Deportation und Verfolgung entschied sie sich bewusst dafür, nicht zu hassen, sondern sich auf das Schöne im Leben zu konzentrieren. Diese Haltung machte sie weit über ihren Tod hinaus zu einer Symbolfigur für Versöhnung und Dankbarkeit.
Fazit
Alice Herz-Sommers Leben zeigt: Dankbarkeit und Hass schließen sich nicht automatisch mit dem Erlebten aus – sie sind eine tägliche Entscheidung. Auch nach ihrem Tod 2014 bleibt ihre Haltung ein kraftvolles Beispiel dafür, wie viel Menschlichkeit selbst unter extremsten Umständen möglich ist.





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